Personalgewinnung

KI im Bewerbungsprozess: Chancen und Risiken für das Gastgewerbe

Person am Laptop nutzt ein digitales Recruiting-Interface; mehrere Bewerberprofile werden angezeigt, eines ist markiert und mit Häkchen bewertet.
KI im Recruiting: Automatisierte Tools können Bewerbungen sichten, Qualifikationen bewerten und Kandidaten nach Kriterien ranken. (Foto: © GamePixel/stock.adobe.com)
KI-Systeme übernehmen im Recruiting Aufgaben von der Bewerbungsprüfung bis zur Kompetenzanalyse. Was das für Gastronomie und Hotellerie bedeutet und wo die Grenzen liegen.
Montag, 05.01.2026, 08:49 Uhr, Autor: Sarah Hoffmann

Künstliche Intelligenz verändert den Bewerbungsprozess – auch in Gastronomie und Hotellerie. Ob beim Formulieren von Stellenanzeigen, beim Sichten von Unterlagen oder beim Abgleich von Qualifikationen mit Stellenprofilen: KI-Systeme können Recruiting-Prozesse beschleunigen und Entscheidungen stärker datenbasiert machen. Doch der Einsatz bringt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken, wie etwa bei Datenschutz, Transparenz und möglichen Verzerrungen in der Bewertung.

Drei Expertinnen ordnen ein, was Betriebe und Bewerber zum Thema wissen sollten: Adél Holdampf-Wendel vom Digitalverband Bitkom, Anna Lüttgen vom Personaldienstleister Hays und Businesstrainerin Anna-Daniela Pickel.

Wo KI im Recruiting bereits eingesetzt wird

„Künstliche Intelligenz wird heute entlang des gesamten Bewerbungsprozesses eingesetzt“, sagt Anna Lüttgen. Das kann vom automatisierten Sichten eingehender Bewerbungen bis hin zur Einschätzung reichen, ob Kandidaten auf konkrete Stellenprofile passen. Teilweise analysieren Systeme sogar frühere Einstellungsdaten und versuchen vorherzusagen, welche Bewerber langfristig zum Unternehmenserfolg beitragen.

Gerade für Betriebe im Gastgewerbe, die häufig viele Bewerbungen in kurzer Zeit erhalten oder unter Zeitdruck einstellen müssen, können solche Tools eine spürbare Entlastung bringen, etwa indem Standardaufgaben automatisiert werden.

Wie verbreitet KI in der Personalauswahl wirklich ist

Trotz des Hypes ist KI in der Gesamtwirtschaft bisher noch selten im Einsatz. „Betrachtet man die Gesamtwirtschaft, gibt es noch nicht so viele Unternehmen, die auf KI in der Personalauswahl setzen“, sagt Adél Holdampf-Wendel.

Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt: Nur ein Prozent von 852 befragten Unternehmen nutzt KI-Systeme, um Bewerbungen zu sichten. Ebenfalls ein Prozent lässt Bewerbungsgespräche von KI führen. Eine KI-basierte Kompetenz- und Potenzialanalyse nutzen aktuell drei Prozent der Unternehmen.

Welche Vorteile sich für Bewerber ergeben und was Betriebe davon haben

Als wichtigste Chancen gelten schnellere Rückmeldungen und eine objektivere Auswahl. „Sie können zu mehr Fairness führen, weil standardisierte Bewertungen subjektive Vorurteile einzelner Recruiter abschwächen können“, sagt Anna Lüttgen.

Auch Holdampf-Wendel betont: Der Faktor Bauchgefühl verliere an Bedeutung, Entscheidungen basierten stärker auf Daten. Zusätzlich könnten automatisierte Tools Bewerber schneller mit Informationen und Updates versorgen.

Für Gastronomen und Hoteliers bedeutet das: Prozesse lassen sich effizienter gestalten – insbesondere bei wiederkehrenden Stellenprofilen, hoher Fluktuation oder saisonalem Personalbedarf. Gleichzeitig können standardisierte Abläufe helfen, Bewerbungen konsistenter zu bewerten.

Risiken: Datenschutz, fehlende Transparenz und mögliche Diskriminierung

Businesstrainerin Anna-Daniela Pickel sieht ein Risiko darin, persönliche Daten unüberlegt in unbekannte Systeme einzupflegen. Zudem kritisiert sie, dass Entscheidungen der KI oft nicht ganz transparent seien.

Auch Anna Lüttgen sieht Schwachstellen: „Durch die hohe Standardisierung bleibt oft wenig Raum für individuelle Dialoge über spezielle Kompetenzen oder Kontextfaktoren“, sagt sie. Außerdem könne es zu Diskriminierungen kommen, wenn Systeme Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten übernehmen.

Der Hintergrund: KI-Systeme lernen aus großen Datenmengen. Wenn diese Daten gesellschaftliche Ungleichheiten, Vorurteile oder historische Diskriminierung enthalten, übernimmt die KI solche Muster. Sie lernt, was in den Daten häufig vorkommt – nicht automatisch, was fair oder gerecht ist.

Gerade im Gastgewerbe, wo Lebensläufe oft weniger geradlinig sind und Quereinsteiger, internationale Bewerber oder wechselnde Stationen üblich sind, kann eine zu starre KI-Bewertung dazu führen, dass passende Kandidaten aussortiert werden.

So erkennen Bewerber, ob KI im Prozess mitarbeitet

Ob KI im Auswahlprozess involviert ist, lässt sich laut Anna Lüttgen häufig mit einem Blick auf die Anforderungen in der Ausschreibung einschätzen: „Wirken die verlangten Kompetenzen plausibel und konkret oder erscheinen sie sehr generisch? Letzteres kann ein Indiz für einen stark automatisierten Prozess sein“, sagt sie.

Für Betriebe ist das auch ein Hinweis: Je klarer und konkreter Sie Ihre Anforderungen formulieren, desto nachvollziehbarer bleibt der Prozess – für Bewerber und für das eigene Recruiting-Team.

EU-Regeln: KI im Recruiting gilt als Hochrisiko-Anwendung

Nach der EU-KI-Verordnung gelten KI-Anwendungen in den Bereichen Beschäftigung, Personalmanagement und Zugang zur Selbstständigkeit grundsätzlich als „Hochrisiko-KI-Systeme“ und unterliegen damit bald strengen Vorgaben.

„Die Anbieter der Systeme müssen gewisse Auflagen unter anderem zur Datenqualität, Datensicherheit, Transparenz und Informationspflicht einhalten“, erklärt Adél Holdampf-Wendel. Außerdem ist festgelegt, dass die Systeme nur unter menschlicher Aufsicht arbeiten dürfen.

Wichtig für Unternehmen: Die Bestimmungen für Hochrisiko-KI-Systeme im beruflichen Bereich gelten ab 2. August 2026. Bereits jetzt sind voll automatisierte Einstellungsentscheidungen nach der Datenschutzgrundverordnung verboten und nur in sehr engen Rahmen möglich.

„Bewerber haben nach den aktuellen Regelungen Anspruch auf klare Informationen darüber, dass und wie ein KI-System im Auswahlprozess eingesetzt wird“, so Lüttgen. Unternehmen müssen aussagekräftige Angaben über die Funktionsweise machen und die Hauptfaktoren nennen, die zu einer Entscheidung geführt haben.

(dpa/SAHO)

Zurück zur Startseite

Weitere Themen

Person nutzt KI um passenden Kandidaten zu wählen
Arbeitsmarkt
Arbeitsmarkt

KI-Nutzung im Recruiting von Fachkräften

Künstliche Intelligenz spielt eine immer größere Rolle, wenn es darum geht, die Herausforderungen des modernen Arbeitsmarktes zu lösen – so auch bei der Suche nach Fachkräften. Wie das funktioniert.
Lächelnde Frau begrüßt Mann mit Handschlag im Business-Umfeld
Recruiting
Recruiting

Candidate Experience im Gastgewerbe

Der Fachkräftemangel bleibt für Hotellerie und Gastronomie ein akutes Problem. Umso schwerer wiegt es, wenn Betriebe Bewerber im eigenen Prozess verlieren. Neue Daten zeigen: Eine schlechte Candidate Experience kostet nicht nur Bewerbungen, sondern am Ende auch Besetzungen, Stabilität im Team und Servicequalität.
Vorstellungsgespräch in einem modernen Büro
Chancengleichheit
Chancengleichheit

Diskriminierung bei Bewerbungen

Eine Absage im Bewerbungsprozess ist für Bewerber oft frustrierend. Rechtlich entscheidend ist aber nicht das Bauchgefühl, sondern ein belastbares Indiz. Worauf es dabei ankommt, zeigt ein Blick ins AGG, in die Rechtsprechung und in die Praxis der Hotellerie und Gastronomie .
Lächelnde Bewerberin und Geschäftsmann beim Vorstellungsgespräch, Handschlag im Interview
Recruiting-Trends
Recruiting-Trends

Bewerben ohne Hürden: So gewinnt das Gastgewerbe Personal

In Hotels und Restaurants zählt Tempo im Recruiting mehr denn je. Eine neue Studie zeigt, was Bewerber beim Bewerbungsprozess abschreckt und was Vertrauen schafft.
Porträt von Tom Lakin
Vorurteile
Vorurteile

Biases im Recruiting: So vermeiden Sie Fehler

Bei einem Vorstellungsgespräch mit einem Kandidaten ist es normal, sich schnell eine Meinung zu bilden. Aber welche Vorurteile gibt es? Wie erkennt man sie? Und wie kann man Biases im Recruiting vermeiden?
Junge Frau gibt ihre Bewerbungsmappe an ihr Gegenüber
Frustrierende Jobsuche
Frustrierende Jobsuche

Bewerbungsprozesse besser gestalten

Trotz einer hohen Bereitschaft zum Jobwechsel und einer optimistischen Einstellung sehen sich Bewerber in Deutschland mit diskriminierenden Praktiken, unzuverlässigen Einstellungsverfahren und dem zunehmenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz im Recruiting konfrontiert.
Junge Frau sitzt am PC und schreibt Ihren Lebenslauf
Chance
Chance

Lebenslaufoptimierung mit KI

Immer mehr Recruiter nutzen für die Bewertung von Lebensläufen eine KI. Dementsprechend ist es ratsam für Bewerber, ihre Unterlagen ebenfalls zu optimieren. Auch das ist mithilfe von künstlicher Intelligenz heute deutlich leichter. 
DZG-Vorstandssprecher Dr. Marcel Klinge, DZG-Aufsichtsratsmitglied Alexandra Wolframm, Tourismuskoordinator Dr. Christoph Ploß MdB, und DZG-Aufsichtsratschefin Homeira Amiri
Austausch
Austausch

DZG wirbt in Berlin für Anliegen der Gastwelt

Arbeitszeitflexibilisierung, KI-Offensive und neue Tourismusstrategie: Vertreter der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) waren zu Gast im Bundeswirtschaftsministerium und Deutschen Bundestag. Dort sprachen sie mit Spitzenpolitikern über wichtige Anliegen der Branche.
Porträt von Reiner Huthmacher, Berater für nachhaltige Mitarbeiterbindung in KMU
Personalmanagement
Personalmanagement

2026 wird zum Recruiting-Jahr für Gastronomie und Hotellerie

Der Fachkräftemangel schwächt sich laut aktuellen Erhebungen kurzfristig ab – doch genau jetzt eröffnet sich für Betriebe eine entscheidende Chance. Wer Prozesse verbessert und sich klar positioniert, kann gute Mitarbeiter frühzeitig gewinnen.