„Große Klappe, wenig dahinter“

Was Arbeitszeugnisse wirklich aussagen

Ein potentieller neuer Mitarbeiter hat sich in seiner alten Firma „stets bemüht“ oder „großes Selbstvertauen gezeigt“? Lassen Sie die Finger von ihm!

Mittwoch, 10.07.2019, 10:20 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Handschlag nach dem Bewerbungsgespräch

Wer die Codes in einem Dienstzeugnis entschlüsseln kann, spart sich möglicherweise unangenehme Überraschungen. (© fotolia.com/contrastwerkstatt)

Wenn jemand in Österreich (in Deutschland gelten ähnliche Regelungen) eine Firma verlässt – egal aus welchen Gründen – hat er Anrecht auf ein Arbeitszeugnis. Die Krux an der Sache: Dieses darf keine Formulierung enthalten, die dem Arbeitnehmer die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle erschwert. Das Ergebnis: Es hat sich eine eigene „Geheimsprache“ entwickelt, mit Formulierungen, die auf den ersten Blick durchaus positiv klingen, für den Eingeweihten aber ein Warnsignal sind. Man kennt solche Codes aus Reiseprospekten wo „zentral gelegen“ eine Umschreibung ist für „Straßen- und Partylärm bis spät in die Nacht“, „meerseitiges Zimmer“ bedeutet noch lange nicht, dass man das Meer auch sehen kann und bei „Mietauto empfohlen“ erwartet einen vermutlich eine Gegend, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Welche Umschreibungen im Arbeitszeugnis Schulnoten von 1 – 5 bedeuten, haben wir an dieser Stelle vor einiger Zeit gebracht. Darüber hinaus gibt es aber noch etliche Codes, die einen potentiellen Arbeitgeber stutzig machen sollten. Die österreichische Arbeiterkammer hat beliebte Formulierungen dieser Art und ihre tatsächliche Bedeutung aufgelistet:

  • „Frau M. hat sich stets bemüht“
    Klartext: Bemüht hat sie sich ja, aber das Ergebnis ist fraglich.
  • „Beim Projekt XY hat sich Herr S. mit ganzer Kraft eingesetzt… “
    Klartext: Herr S. hat sich nur bei dem einen Projekt ins Zeug gelegt.
  • „Frau L. hat sich im Rahmen ihrer Fähigkeiten eingesetzt …“
    Klartext: Der Rahmen war derartig eng, dass nur für wenige Fähigkeiten Platz war.
  • „Herr B. hat sich stets als integrative, kommunikationsstarke Persönlichkeit ins Team eingebracht“
    Klartext: Vor lauter Plaudern ist er kaum mehr zum Arbeiten gekommen.
  • „Frau A. verfügte über Fachwissen und zeigte großes Selbstvertrauen“
    Klartext: Große Klappe, wenig dahinter.
  • „Herr R. hat die übertragenen Arbeiten ordnungsgemäß erledigt“
    Klartext: Ordnungsgemäß schon, aber sonst zeigte er nur wenig Eigeninitiative.
  • „Frau P. war stets mit Interesse und Begeisterung bei der Sache“
    Klartext: Euphorie allein ist kein Erfolgsgarant.
  • „Herr Z. trug durch seine Geselligkeit zum guten Betriebsklima bei“
    Klartext: Er tratscht viel.
  • „Frau K. setzte sich insbesondere für die Belange der Belegschaft ein“
    Klartext: Eine Mitarbeiterin, die sich nicht alles gefallen lässt.

Kann sich ein Arbeitnehmer gegen Formulierungen dieser Art wehren? Ja, kann er. Allerdings kann auch ein Arbeitgeber nicht gezwungen werden, ein wirklich positives „qualifiziertes Arbeitszeugnis“ auszustellen. Im Gesetz vorgesehen ist lediglich ein „einfaches Zeugnis“. Dort werden Personalien des Arbeitnehmers aufgeführt, die Dauer des Arbeitsverhältnisses und die Art der Beschäftigung, allerdings findet keine Bewertung der Arbeit statt. Und das sagt einem potentiellen neuen Arbeitgeber zumindest aus, dass das alte Arbeitsverhältnis jedenfalls nicht in inniger Freundschaft und Wertschätzung beendet wurde…

 

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