Arbeitszeitreform im Gastgewerbe?
Die Bundesregierung will das Arbeitszeitgesetz reformieren. Künftig soll stärker eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit möglich sein. Für viele Branchen wäre das eine weitreichende Änderung – für Gastronomie und Hotellerie aber ganz besonders. Denn in Hotels, Restaurants, Cateringbetrieben und Eventlocations ist der Arbeitsalltag selten gleichmäßig planbar.
Saisonspitzen, Wochenendgeschäft, Veranstaltungen, Krankheitsausfälle, kurzfristige Reservierungen oder wetterabhängige Auslastung stellen Betriebe regelmäßig vor planerische Herausforderungen. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel eines der drängendsten Themen der Branche. Die zentrale Frage lautet daher: Kann mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit Betriebe entlasten – oder steigt dadurch der Druck auf die Mitarbeiter?
Reiner Huthmacher sieht in der geplanten Reform Chancen, warnt aber zugleich vor falschen Erwartungen. Er ist Berater für Arbeitgeberattraktivität und Personalstabilität in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Sein 6-Schritte-System verbindet strategisches Benefit-Management, datenbasierte Fluktuationsprävention sowie Passungsdiagnostik im Auswahl- und Onboardingprozess.
Im HOGAPAGE-Interview erklärt Reiner Huthmacher, was eine wöchentliche Höchstarbeitszeit für Hotels und Restaurants bedeuten könnte, wo die größten Risiken liegen und warum Flexibilität ohne klare Regeln schnell zum Problem werden kann.
Herr Huthmacher, die Bundesregierung plant, die tägliche Höchstarbeitszeit stärker zugunsten einer wöchentlichen Betrachtung zu flexibilisieren. Was würde eine solche Reform aus Ihrer Sicht grundsätzlich für Arbeitgeber bedeuten?
Die Reform würde Unternehmen zunächst einmal mehr Gestaltungsspielraum bei der Arbeitszeit geben. Gerade in Branchen mit schwankender Auslastung kann das helfen, Personal flexibler einzusetzen.
Gleichzeitig sehe ich darin aber keinen Selbstläufer. Mehr Freiheiten bedeuten auch mehr Verantwortung. Unternehmen müssen klare Regeln schaffen, damit Flexibilität nicht zulasten der Mitarbeiter geht. Entscheidend ist deshalb weniger, was das Gesetz erlaubt, sondern wie Betriebe die neuen Möglichkeiten im Alltag nutzen.
In der Gastronomie und Hotellerie gehören lange Servicetage, Wochenendarbeit, Events und Saisonspitzen zum Alltag. Welche Chancen könnte eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gerade für diese Branche bieten?
Gerade in der Gastronomie und Hotellerie verlaufen Arbeitswochen selten gleichmäßig. An manchen Tagen herrscht Hochbetrieb, an anderen ist deutlich weniger los. Eine flexiblere Wochenbetrachtung könnte es Betrieben erleichtern, diese Schwankungen besser aufzufangen.
Gleichzeitig können Mitarbeiter profitieren, wenn längere Arbeitstage im Gegenzug zu planbaren freien Tagen führen. Voraussetzung ist allerdings, dass solche Modelle transparent kommuniziert werden und die Mitarbeiter frühzeitig wissen, worauf sie sich einstellen können.
Wo sehen Sie mögliche Risiken – etwa mit Blick auf Überlastung, Mitarbeiterzufriedenheit oder steigende Fluktuation?
Das größte Risiko besteht darin, dass Flexibilität mit permanenter Verfügbarkeit verwechselt wird. Wenn Mitarbeiter ständig damit rechnen müssen, kurzfristig länger zu arbeiten oder Dienstpläne regelmäßig geändert werden, entsteht schnell Unzufriedenheit.
Menschen verlassen Unternehmen selten wegen einzelner langer Arbeitstage. Sie kündigen vielmehr dann, wenn sie dauerhaft das Gefühl haben, ihren Alltag nicht mehr planen zu können oder Belastungen nicht fair verteilt werden. Genau deshalb können fehlende Strukturen langfristig auch die Fluktuation erhöhen.
Könnte mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit dabei helfen, Dienstpläne in Hotels und Restaurants verlässlicher zu gestalten?
Ja, wenn Unternehmen die zusätzlichen Möglichkeiten sinnvoll nutzen. Mehr Flexibilität kann dazu beitragen, Dienstpläne besser an die tatsächliche Auslastung anzupassen und gleichzeitig Mitarbeitern frühzeitig Planungssicherheit zu geben.
Das funktioniert allerdings nur mit klaren Prozessen. Flexibilität bedeutet nicht, ständig kurzfristig umzudisponieren. Im Idealfall sorgt sie sogar für mehr Verlässlichkeit, weil Betriebe mehr Spielraum haben, Ausfälle oder Auftragsspitzen ohne hektische Änderungen auszugleichen.
Welche Rolle spielen Ruhezeiten und Pausenregelungen, wenn Betriebe künftig möglicherweise flexibler planen könnten?
Ruhezeiten und Pausen bleiben aus meiner Sicht ein zentraler Bestandteil einer nachhaltigen Personalstrategie. Mitarbeiter können nur dann dauerhaft gute Leistungen erbringen, wenn sie ausreichend Zeit zur Erholung haben.
Deshalb sollten Unternehmen diese Zeiten nicht als Einschränkung betrachten, sondern als Investition in Motivation, Gesundheit und langfristige Mitarbeiterbindung. Gerade wenn Arbeitszeiten flexibler werden, gewinnen feste Erholungsphasen sogar noch stärker an Bedeutung, weil sie Orientierung und Verlässlichkeit schaffen.
Was müssten Arbeitgeber beachten, damit mehr Flexibilität nicht als zusätzlicher Druck bei den Mitarbeitern ankommt?
Aus meiner Sicht sind Transparenz und Planbarkeit entscheidend. Mitarbeiter akzeptieren flexible Arbeitszeiten deutlich eher, wenn nachvollziehbar ist, warum Änderungen notwendig sind und wie Mehrarbeit ausgeglichen wird.
Ebenso wichtig sind klare Absprachen und eine offene Kommunikation. Flexibilität darf niemals bedeuten, dass Mitarbeiter jederzeit verfügbar sein müssen. Sie sollte beiden Seiten Vorteile bieten. Gelingt das, kann sie die Arbeitgeberattraktivität sogar steigern. Fehlen dagegen klare Regeln, entsteht schnell der Eindruck, dass Flexibilität lediglich zulasten der Mitarbeiter geht.
Herr Huthmacher, vielen Dank für das spannende Gespräch!
(SAHO)