Interview

„Luxus wäre es, weiter zu machen wie bisher“

Der Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, Hartwig Kirner, im HOGAPAGE-Interview über die Relevanz der Gastronomie und die Auswirkungen der Corona-Krise auf Fairtrade-Produkte.

Freitag, 15.05.2020, 09:22 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Hartwig Kirner

In der Gastronomie ist laut Hartwig Kirner vor allem Kaffee unter den Fairtrade-Produkten besonders gefragt. (© Fairtrade)

HOGAPAGE: Herr, Kirner, wie ist das Jahr 2019 für Fairtrade in Österreich gelaufen – auch im Vergleich zu 2018?
Hartwig Kirner: Wir ziehen erneut eine positive Bilanz und konnten im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um mehr als fünf Prozent zulegen. Vor allem Kakao, Bananen und Kaffee waren dabei die Wachstumstreiber. Mittlerweile liegt der geschätzte Umsatz mit Fairtrade-Produkten in Österreich bei 351 Millionen Euro jährlich.

Wie ist das Absatz-Verhältnis zwischen Einzelhandel und Gastronomie?
In der Gastronomie ist besonders Kaffee sehr gefragt. Die Konsumenten fordern diese Nachhaltigkeit ein und betrachten es als einen wichtigen Qualitätsaspekt. Und das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Mittlerweile werden 28 Prozent, also schon fast ein Drittel der Fairtrade-Kaffeebohnen, in Restaurants, Cafés, Kantinen und Co. konsumiert. Zuletzt gab es auch in der Systemgastronomie erfreuliche Entwicklungen – Fairtrade-Kaffee in vielen Marriott Hotels und in den zahlreichen Backwerk-Filialen sind da nur zwei Beispiele.

Wie sehen die Zahlen speziell in der Gastronomie aus? Wie viele Betriebe arbeiten in Österreich mit Fairtrade-Produkten?
Mit Sicherheit können wir das nicht sagen, da es eine hohe Dunkelziffer gibt. Die ist in diesem Fall aber erfreulich, denn es heißt schlicht und einfach, nicht jede und jeder, der Fairtrade-Produkte in der Gastronomie verwendet, registriert sich als Gastropartner bei uns. Es gibt also mehr, als wir offiziell sagen können. Aktuell wissen wir von rund 1.900 Cafés, Bäckereien, Hotels, Restaurants & Kantinen landesweit, die Fairtrade-Produkte verwenden – Tendenz nach wie vor steigend.

Ist Fairtrade eigentlich auch in der Top-Gastronomie angekommen? Gibt es da namhafte Betriebe, die mit Fairtrade-Produkten arbeiten?
Ja, durchaus. Der goldene Hirsch in Salzburg ist ebenso Fairtrade-Gastropartner wie das Gut Purbach im Burgenland oder das älteste Hotel Wiens, das Stefanie im zweiten Gemeindebezirk. Auch der bekannte Tiroler Stanglwirt setzt auf Produkte aus fairem Handel – das sind nur einige Beispiele, die beweisen: fairer Handel und ausgezeichnete Qualität sind kein Widerspruch, sondern im Gegenteil, sie gehen Hand in Hand. Gerade Spitzengastronomen wissen Rohstoffe aus kleinbäuerlichen Betrieben zu schätzen und die machen fast 90 Prozent des Fairtrade-Sortiments aus.

Bei welchen C&C-Märkten kann man Fairtrade-Produkte beziehen?
Transgourmet und Metro haben bereits Listungen. Da geht es dann auch darum, Rohstoffe wie Reis in gastrofreundlichen Mengen anzubieten – beispielsweise in 5-Kilo-Säcken, wie von Transgourmet unter der Marke Vonnatur verfügbar. Das Sortiment wird hier kontinuierlich ausgebaut und wer auf unsere Homepage schaut, findet im Produktfinder-Finder auch schon ein eigenes Tool, das wir für Gastronomen entworfen haben, um die Suche zu erleichtern. Neben Fairtrade-Klassikern finden sich auch weniger bekannte Produkte wie Quinoa, Gewürze oder Zuckersorten.

Wird es in diesem Jahr spezielle Promotion-Aktionen von Fairtrade für die Gastronomie geben? Etwa so wie das Hotel Stefanie in Wien speziell ein eigenes Fairtrade-Menü angeboten hat.
Wir arbeiten an einem Herbstschwerpunkt, aber natürlich ist durch die anhaltende Corona-Krise alles noch mit einem kleinen Fragezeichen versehen. In jedem Fall werden wir das Thema Reis fokussieren und sind auch dabei, Gastro-Partner mit ins Boot zu holen. Dieses Fairtrade-Grundnahrungsmittel hat immer mehr Absatz in Österreich und wir möchten hier weitere Schritte setzen, damit fair gehandelte Körner bald in aller Munde sind.

Wie stark wird Fairtrade in diesem Jahr von Corona in Österreich betroffen sein?
Das ist noch nicht ganz absehbar. In Afrika und Lateinamerika ist die Pandemie erst spät angekommen und es wird wenig getestet. Es ist zu befürchten, dass es deutlich mehr Erkrankungen gibt, als offiziell sind. Die Angst vor verheerenden Folgen ist wie überall auf der Welt groß und das beeinflusst natürlich nicht nur die Arbeit in der Landwirtschaft, sondern auch die Lieferketten, die unter Einschränkungen leiden. Allen voran ist die Blumenindustrie sehr stark betroffen. Bananen und Kaffeebohnen waren hingegen überaus gefragt und die Produzentenorganisationen spüren die Einschränkungen bei den Absätzen noch nicht.

Wie weit hat sich das Coronavirus auf die Ernten bzw. Arbeitsmöglichkeiten Ihrer Mitgliedsbetriebe ausgewirkt?
Die Schutzmaßnahmen erschweren natürlich auch die Arbeit im Ursprung. Mehr Abstand, zusätzliche Hygienemaßnahmen, Investitionen in Masken und vieles mehr machen die Arbeit aufwendiger und drosseln die Produktionsmengen und Gewinne. Fairtrade hat bereits einen Hilfsfonds eingerichtet, um rasch und unbürokratisch helfen zu können. Wir stoßen aber auch an unsere Grenzen bei insgesamt 1.7 Millionen Menschen, die im Fairtrade-System tätig sind.

Der ganzen Welt steht eine Wirtschaftskrise bevor, wie wir sie in Friedenszeiten seit 100 Jahren nicht mehr erlebt haben. Befürchten Sie, dass Fairtrade dadurch zu einem Luxus werden könnte, den sich viele nicht mehr leisten wollen/können?
Luxus wäre es vielmehr, weiter zu machen wie bisher. Die Krise hat gezeigt, was wirklich wichtig ist. Wenn es hart auf hart kommt, hamstern Menschen keine neuen Handys oder Mode, sondern Lebensmittel. Wir haben gesehen wer dafür sorgt, dass wir auch in einer Krise weiterhin ein gutes Leben führen können – LKW-Fahrer, Supermarkt-Mitarbeiter, Krankenschwestern und Bauernfamilien. Es ist höchste Zeit, dass wir die wiedergefundene Wertschätzung nicht nur emotional, sondern auch finanziell für diese Menschen ausdrücken.
Wir haben auch gesehen, dass es möglich ist harte Maßnahmen zu ergreifen, um eine Krise abzuwenden. Während es vor ein paar Monaten noch undenkbar war über Einschränkungen im Flugverkehr nachzudenken, haben wir ihn derzeit vollständig eingestellt. Wenn wir über eine neue Normalität reden, sollte es nicht nur um den Schutz der aktuellen Generation gehen, sondern auch um eine lebenswerte Welt für unsere Kinder und Enkelkinder. Denn gegen die Klimakrise helfen keine Masken.

 

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