DZG: KI gehört nach oben
Künstliche Intelligenz soll nicht zum Selbstzweck werden, sondern konkrete Probleme in den Betrieben lösen. Das ist eine der zentralen Botschaften der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Gemeinsam mit Experten aus der Branche stellte der Thinktank sein neues Impulspapier zur technologischen Transformation der Gastwelt vor.
Das Papier versteht sich ausdrücklich nicht als fertiger Fahrplan oder Technikkatalog. Vielmehr soll es Unternehmen dazu ermutigen, sich mit den Möglichkeiten von KI, Robotik und Digitalisierung auseinanderzusetzen. Mehr als 120 konkrete Ideen und Vorschläge richten sich an Tourismus, Hospitality, Foodservice und Freizeitwirtschaft.
Digitalisierung ist Chefsache
„Digitalisierung, KI und Robotik sind längst keine simplen IT-Projekte mehr, sondern strategische Führungsaufgabe“, hatte Alexandra Wolframm, Co-Leiterin der Experten-Taskforce, bereits im Vorfeld betont. Bei der Pressekonferenz wurde dieser Gedanke nochmals deutlich: Unternehmen sollten das Thema nicht irgendwo in der Organisation delegieren, sondern auf der Führungsebene verankern.
Die DZG schlägt deshalb für größere Unternehmen die Einführung eines Chief AI Officers (CAIO) mit Vorstands- beziehungsweise Geschäftsführungsrang vor. Ergänzend sollen sogenannte KI-Readiness-Checks Unternehmen dabei helfen, zunächst den eigenen Stand zu analysieren: Welche Prozesse lassen sich sinnvoll automatisieren? Wo entsteht tatsächlich ein wirtschaftlicher Nutzen? Und welche Anwendungen passen zu den Abläufen im jeweiligen Betrieb?
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen sei dieser erste Schritt entscheidend. Alexandra Wolframm verwies darauf, dass mehr als 95 Prozent der Partnerbetriebe von Booking.com KMU seien. Auch dort gebe es großes Potenzial für Prozessoptimierungen – etwa wenn KI manuelle und wiederkehrende Aufgaben übernimmt und dadurch wieder mehr Zeit für die Beziehung zwischen Gast und Betrieb entsteht.
„Wir brauchen nicht KI, sondern Lösungen“
Salim Sahi, Co-Leiter der Experten-Taskforce und Gründer von Holologiox.AI, schilderte bei der Pressekonferenz zugleich die Unsicherheit, die er derzeit in vielen Unternehmen beobachtet. Ängste, fehlendes Wissen und interne Blockaden könnten den Einstieg bremsen.
Sein Appell: Unternehmen sollten nicht mit der Frage beginnen, welche KI sie einsetzen können, sondern mit dem konkreten Problem.
„Ich brauche einen Prozess, um die Effizienz zu steigern. Ich brauche mehr Umsatz und ich brauche eine zukunftssichere Positionierung“, fasste Sahi den Ansatz zusammen. Erst danach stelle sich die Frage, welche Automatisierung oder welche KI-Anwendung dafür geeignet sei.
Auch die Sichtbarkeit von Unternehmen in KI-gestützten Such- und Buchungssystemen werde zunehmend relevant. Gerade im Tourismus verändere sich das Suchverhalten der Kunden. KI könne bereits heute komplexe Wünsche miteinander verknüpfen, für die klassische Webseiten oder Buchungssysteme bislang keine passende Antwort lieferten.
Angst vor KI: Aufklärung statt Abwarten
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage, wie sich die Berührungsängste gegenüber neuen Technologien abbauen lassen. Die Experten sehen dabei vor allem Qualifizierung, Schulung und praktische Erfahrungen als Schlüssel.
Technologie solle Beschäftigte nicht einfach ersetzen, sondern ihnen Freiräume für andere Aufgaben schaffen. Im Papier schlägt die DZG deshalb unter anderem KI-Werkstätten, Train-the-Trainer-Konzepte und sogenannte AI-Ambassador-Programme vor. Wo sich Tätigkeiten durch KI verändern, könnten zudem Reskilling-Angebote neue Aufgabenfelder eröffnen.
„Technologie muss lästige Routinen übernehmen“, erklärte DZG-Sprecher Dr. Marcel Klinge bei der Pressekonferenz. Dahinter stehe die Vorstellung, dass Mitarbeiter dadurch wieder mehr Zeit für die eigentliche Gastlichkeit bekommen.
Robotik als Ergänzung zum Personal
Auch die Rolle von Robotern in der Gastronomie wurde diskutiert. Die DZG sieht insbesondere dort Einsatzmöglichkeiten, wo standardisierte und wiederkehrende Tätigkeiten anfallen. Als Beispiele wurden unter anderem der To-go-Bereich und die Gemeinschaftsverpflegung genannt.
Auf die Frage, ob Roboter künftig häufiger Essen zubereiten könnten als Köche, verwies Klinge auf entsprechende Einsatzmöglichkeiten in bestimmten Segmenten. In der Sternegastronomie sehe er diese Entwicklung dagegen nicht.
Entscheidend sei für die DZG der ergänzende Charakter der Technologie. Angesichts des demografischen Wandels und des erwarteten Ausscheidens vieler Beschäftigter aus dem Arbeitsmarkt könne Robotik dazu beitragen, das Angebot und die Nachfrage in bestimmten Bereichen zu stabilisieren. „Es ist ein Miteinander, kein Gegeneinander“, so Klinge.
Daten, Schnittstellen und Finanzierung als offene Baustellen
Damit KI in den Betrieben tatsächlich funktionieren kann, sieht die Denkfabrik allerdings auch strukturelle Voraussetzungen. Dazu gehören gemeinsame Datenstandards, offene Schnittstellen zwischen verschiedenen Softwaresystemen sowie klare Regeln für Datenschutz, Transparenz und Haftung.
Zudem fordert die DZG bessere Rahmenbedingungen für Investitionen. Besonders für kleinere und mittlere Betriebe seien bestehende Förderangebote teilweise zu kompliziert, langsam oder zu stark auf einzelne Anschaffungen ausgerichtet.
Als konkreten Vorschlag bringt die Denkfabrik deshalb eine eigene „Gastwelt-Bank“ nach österreichischem Vorbild ins Gespräch. Sie könnte Fördermittel bündeln und zugleich zinsgünstige Kredite für Investitionen in Digitalisierung, KI und Robotik anbieten. Denkbar sei auch eine Anbindung an die KfW.
Technologie soll Gastlichkeit stärken
Trotz aller technologischen Möglichkeiten betonte die DZG bei der Pressekonferenz, dass Digitalisierung kein Selbstzweck sein soll. Im Mittelpunkt stehe weiterhin die persönliche Begegnung mit dem Gast.
Das Impulspapier verfolgt deshalb vier übergeordnete Ziele: Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sollen gestärkt, Beschäftigte entlastet, Service- und Erlebnisqualität verbessert und persönliche Gastlichkeit bewahrt werden.
Die Botschaft der Denkfabrik lautet damit vor allem: Unternehmen sollten nicht darauf warten, bis KI und Robotik vollständig ausgereift sind. Stattdessen gehe es darum, jetzt mit überschaubaren Schritten zu beginnen, konkrete Prozesse zu prüfen und herauszufinden, wo Technologie im eigenen Betrieb einen tatsächlichen Mehrwert schaffen kann.
(DZG/KAGI)