Drinks mit Tiefgang
Sam Doyle, gebürtiger Ire und Head of Bar bei Cookies Cream, hält seine hausgemachten Essenzen für den größten USP im Haus. Diese serviert er im 10-cl-Glas. „Der Fokus auf frische Früchte und Gemüse korrespondiert mit unserer vegetarisch ausgerichteten Küche. Die Drinks sind mit Agar-Agar geklärt – die elegante Optik entspricht dem Gericht.“ Für die Weintrinker hat er eine Option: „Wir haben ein gemischtes Pairing, bei dem der Gast nicht gleich sieben Gläser Wein vertilgen muss. Das macht umsatzmäßig Sinn und der Gast ist nicht erschreckt ob der Alkoholmenge.“
No- und Low-Alkohol sowie funktionale Getränke sind keine Ergänzung mehr, sie entwickeln sich zu den Wachstumsmotoren der Branche
Obwohl der Name seiner Wirkungsstätte anderes suggeriert, warnt Doyle ausdrücklich davor, „in die süße Falle“ zu tappen. „Das gilt für Pairings und alkoholfreie Cocktails gleichermaßen.“ Auch wo serviert wird, spiele eine Rolle. „Man kann was Wildes kreieren, was die Gäste vielleicht nicht als Drink in der Sommersonne auf der Terrasse mögen, aber was sie als Pairing zu einem Gericht toll finden.“ Teeinfusionen mit Kräutern und Gewürzen schätzt er besonders, beispielsweise „Senchatee mit frischer Zitronenschale und Pimientos, die keine Süße, sondern Körper und Tiefe geben.“ Die Industrie beobachtet diese Entwicklung aufmerksam. Die Strategieberatung Roland Berger spricht in ihrer aktuellen Analyse „The Future of Alcohol“ von einem strukturellen Wandel der gesamten Getränkebranche. Gesundheitstrends, veränderte Werte jüngerer Generationen und ein sinkender Alkoholkonsum in vielen Märkten verändern das Geschäft grundlegend.
No- und Low-Alkohol-Produkte sowie funktionale Getränke gelten dabei nicht mehr als Nischenangebote, sondern als künftige Wachstumsmotoren. Gleichzeitig gewinnen Premiumisierung, Herkunft, Erlebnischarakter und Personalisierung an Bedeutung. Für die Gastronomie bedeutet das vor allem eins: Wer seinen Gästen spannende Alternativen bietet, der erschließt neue Zielgruppen und zusätzliche Umsatzpotenziale.
Der Sommer kann kommen
Dabei geht es längst nicht mehr nur um das Getränk selbst. Gefragt sind Geschichten, Inszenierungen und Erlebnisse. Wie stark Authentizität heute wirkt, zeigt die Kooperation zwischen Cocktailhersteller Kukki und Entertainer Jens „Knossi“ Knossalla. Aus einer zufälligen Begegnung entwickelte sich eine Partnerschaft rund um tiefgekühlte Cocktails mit echtem Eis in der Flasche. Am Anfang stand kein aufwendig entwickeltes Marketingkonzept, sondern die Begeisterung für ein Produkt. Genau solche authentischen Geschichten schaffen reichlich Aufmerksamkeit und bieten gastronomischen Betrieben wertvolle Anknüpfungspunkte für die Kommunikation mit ihren Gästen.
Auch der Deutschland-Launch der jamaikanischen Rum-Marke Crossfire Hurricane zeigt, dass Herkunft und Authentizität zunehmend Teil des Produkterlebnisses werden. Die von den Rolling Stones inspirierte Marke verbindet Musikgeschichte, jamaikanische Rumkultur und moderne Barkonzepte – ein Beispiel dafür, wie Getränke heute weit mehr sein können als reine Genussmittel.
Die Getränketrends 2026 lassen sich daher auf einen gemeinsamen Nenner bringen: bewusster Genuss, mehr Individualität und eine stärkere emotionale Aufladung des Angebots. Ob Spritz, alkoholfreier Aperitif, Premiumwasser, Bier oder funktionaler Drink: Entscheidend ist weniger die Kategorie als die Fähigkeit, daraus ein überzeugendes Erlebnis zu machen.

Benjamin Rohrlack, Barchef im Weissenhaus Resort, das zu Relais & Châteaux gehört
Sie waren Chefpatissier in Sternerestaurants und machen jetzt Bar. Sind Sie ein Wunderkind?
In beiden Disziplinen entscheiden ein paar Gramm mehr oder weniger über das Gelingen. Und: Ein Dessert baut sich immer auf verschiedenen Ebenen auf, die zusammen alle Geschmackssinne ansprechen. Genau das mache ich auch in der Bar 1896.
Das Gäste suchen das Echte, Unverwechselbare, wenn sie ausgehen. Aber wie macht man sich unverwechselbar in Zeiten von Instagram und globalen Trends?
Durch ein Gesamtpaket an Faktoren. Natürlich muss die Qualität stimmen – hochwertige Produkte, das Zusammenspiel von Texturen, Temperaturen und komplexen Aromen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gastfreundschaft. Während Instagram nur Bilder liefert, transportieren mein Team und ich Emotionen und Geschichten.
Mit Ihrer fachlichen Qualifikation als Patissier haben Sie bestimmt einige Tipps für nichtalkoholische Getränke?
Aus Avocadofruchtfleisch kann man einen alkoholfreien Amaretto herstellen. Im Zeichen von Food Waste sind selbst gemachte Shrubs und Cordials eine viel bessere Idee als beispielsweise immer nur Simple Sirup.