Südtirol erfindet sich neu ...
… und bleibt, was es ist: Bergsteigertraum, Genusshimmel, Wanderparadies, Weinland!
von Gabriele GugetzerSüdtirol ist die größte Provinz Italiens und sichtbar auch ihre wohlhabendste. Urlauber, vorrangig aus Deutschland und dem Rest Italiens, können sich nicht sattsehen an ihrer einzigartigen Landschaft, in der die Bausünden überschaubar sind und kein Fastfood-Joint den Sinn für Schönheit stört.
In der Genossenschaft geht es jetzt nur noch um Qualität
Die Dolomiten sind wahrhaft erhaben. Aber nicht nur Kletterer oder Geologie-Nerds kommen zwischen Überresten von Urmeeren und kollidierenden tektonischen Platten auf ihre Kosten, sondern auch Wanderer, denn Südtirols Täler – Grödnertal, Pustertal, Eisacktal, Etschtal – sind wunderschön. Das finden in der Tat viele Touristen. Zu viele vielleicht? Und was ist mit dem Weinbau? Seit 3.000 Jahren ist Wein in Südtirol ein Thema, doch selbst hier geht der Weinabsatz zurück, spürbar.
Übertourismus und rückgängiger Weinkonsum – das könnte das Wohlergehen Südtirols bereits mittelfristig gefährden, aber Touristiker, Hoteliers, Gastronomen und Winzer arbeiten längst eng zusammen und entwickeln spannende Ideen mit Nachmach-Potenzial. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – die Südtiroler sind ein fittes Völkchen.
„Wir brauchen den Tourismus“
Dieses Zitat stammt von Andreas Kofler, Präsident vom Konsortium Südtirol Wein (siehe auch Drei Fragen an ...), aber das könnte auch jeder andere Südtiroler gesagt haben. Was die Region nicht braucht, ist der Übertourismus, der sich auf einige wenige Orte und das Selfie für zu Hause konzentriert.
In Bozen und Meran ist im September natürlich die Hölle los, der Zugang zu Bozen für PKWs und Busse oft gesperrt, weil die Laubengänge gestopft voll sind und kein Parkplatz in Sicht ist. Auch auf der Weinstraße herrscht dann trotz 150 Kilometer Länge Stop and Go. Es ist die Hochsaison für Reisende, aber auch für Weinlese und Apfelernte. Jenseits der Saison sieht das ganz anders aus, erst recht in entzückenden Seitentälern wie dem Sarntal, wo heute noch Dialekt gesprochen wird, oder dem Lüsner Tal. Wandern auf den Waalwegen, wie die Pfade entlang der historischen Bewässerungskanäle heißen, eignet sich auch für Einsteiger. Die Region setzt auf Entzerrung und auf Önotourismus. Zu Letzterem gleich mehr.

Drei Fragen an ... Andreas Kofler, Präsident vom Konsortium Südtirol Wein
- Wie unterstützen Sie vom Konsortium die Weinbauern?
Bei uns sind fast alle Winzer Südtirols vertreten, worum uns der Rest Italiens, wo nur die Großen mitmachen, beneidet. Wir beraten, helfen bei Zertifizierungen, fördern. Der jährlich verliehene Weinkulturpreis Südtirol hat z. B. eine Social-Media-Kampagne als Preis ausgelobt, die wir erstellen und umsetzen. Die Betriebe haben keine Zeit für so etwas, der digitale Einstieg ist aber sehr wichtig. - Ist auch der Önotourismus wichtig?
Sehr! Es gab ihn zwar entlang der Weinstraße schon immer, aber der Tourismus selbst hat sich in Südtirol stark verändert. Wir müssen jetzt Wein als Kultur und als Kulturgut vermitteln. Das lässt sich gut machen, da die von den Kellereien gelieferte Bandbreite groß ist, obwohl die Kellereien selbst oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen. Da bieten sich z. B. Abendwanderungen an. - Wie wollen Sie dem Übertourismus Herr werden?
Wir sehen großes Potenzial in Kultur- und Weinreisen nach Südtirol. Das läuft auch in der Nebensaison bestens und verschiebt den Fokus weg von klassischen Touristenzielen. Wir brauchen ein Hot-Spot-Management, das wegführt von den Städten und
hin zu Tälern, die man noch nicht so kennt. Hier wollen wir neue Strukturen etablieren und sobald diese vorhanden sind, entwickelt sich auch die Nachfrage.

Gastro-technisch ins Paradies, pardon, Paradeis
Gastronomisch bietet Südtirol viele Michelinsterne. Zum Dreisterner Niederkofler in Bruneck will verständlicherweise jeder, aber was ist denn mit dem Paradeis? Winzerlegende Alois Lageder, Pionier des biodynamischen Weinbaus in Südtirol, ersann in Margreid – sowieso eines der schönsten Dörfer an der Weinstraße – ein Konzept, das stilprägend werden sollte. Ein nicht elektrifizierter Renaissancepalast, eine Vineria, ein Innenhof, eine Osteria namens Paradeis, alles nicht weit weg von den Weinbergen und dem Gemüsegarten, aus dem sich das Restaurant bedienen kann. Die Zeiten, als das ein Geheimtipp war, sind lange vorbei. Hier wird Atmosphäre geliefert und perfektes Storytelling betrieben – entsprechend voll ist es. Hier werden Hochzeiten gefeiert, der Palast selbst dient als TV-Kulisse. Die Gäste sind ganz verschieden – es zählt zur besonderen Kunst der Lageders und ihres tollen Serviceteams, Kraxler, Radfahrer und durchgestylte Cliquen gleichermaßen zufriedenzustellen.
Bis in die 1960er-Jahre war Wein bei uns Nahrungsergänzungs-mittel
