Dr. Marcel Klinge
Wenn es der Bundesregierung nicht gelingt, ein solch ‚kleines‘ Vorhaben zeitnah umzusetzen, ist das kein gutes Signal für deutlich komplexere Reformvorhaben. Dr. Marcel Klinge Denkfabrik Zukunft der Gastwelt; Foto: Jens Hagen

Flexiblere Wochenarbeitszeit als Streitpunkt

Die Wege aus der Krise sind holprig und hürdenreich, zumal Gastro- und Unternehmerverbände andere Ziele haben als (wie nicht anders zu erwarten) die Gewerkschaften. Beispiel Arbeitszeit: Die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) fordert, wie auch andere Gastro-Verbände, die Bundesregierung auf, eine frühestens für 2027 geplante Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit deutlich zu beschleunigen. 

Die Gewerkschaft wehrt sich: „Wenn eine Wochenarbeitszeit gilt, haben nurmehr Gewerkschaftsmitglieder einen geregelten Arbeitstag“, fürchtet Referatsleiter Mark Baumeister von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Nichtmitgliedern oder Beschäftigten in tariflosen Betrieben drohten ein 13-Stunden-Tag, eine 6-Tage-Woche und eine massive Gesundheitsgefährdung. „Kommt die Wochenarbeitszeit, werden Beschäftigte, die diese Regelungen mehrheitlich ablehnen, aus der Branche gedrängt“, so Baumeister. „Da halten wir gegen.“ 

Die DZG mit Dr. Marcel Klinge an der Spitze sieht dies ganz anders: Die Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit nach EU-Recht gelte als eine der zentralen Stellschrauben, „um Personal effizienter einzusetzen und besser auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können, gerade in der Gastwelt, die stark von Tageszeiten, Wochentagen und Saisonverläufen geprägt ist.“ Aus Sicht der Denkfabrik sei die Reform ein Beispiel dafür, wie vergleichsweise einfache Maßnahmen mit hoher Wirkung unnötig verzögert werden. 

„Wenn es der Bundesregierung nicht gelingt, ein solch ‚kleines‘ Vorhaben zeitnah umzusetzen, ist das kein gutes Signal für deutlich komplexere Reformvorhaben, die unser Land ebenfalls dringend braucht“, so Klinge. „Das sollte jedenfalls nicht das neue Deutschland-Tempo sein.“ Die DZG schlägt daher jetzt in einer konzertierten Aktion vor, den Gesetzgebungs-Turbo zu zünden oder kurzfristig etwa eine Erprobungsphase für eine neue Arbeitszeitregelung zu starten, um schnellstmöglich konkrete Entlastungen für die Betriebe zu ermöglichen.

Arbeitszeitreform
Erst 2027 soll eine neue Arbeitszeitreform in Kraft treten. Viele Betriebe wären bereits in dieser Sommersaison für eine flexiblere Arbeitsplangestaltung dankbar.  Foto: AzeemudDeen25/peopleimages.com/stock.adobe.com

Entlastungsprämie als Rohrkrepierer

Statt „mehr Tempo und mehr Pragmatismus“, wie von Klinge gefordert, eckt die schwarz-rote Koalition immer wieder an. So manche Idee sorgt auf breiter Front für Kopfschütteln. Erinnert sei an die von der Regierung vorgeschlagene steuerfreie Entlastungsprämie, die der Bundesrat kurzerhand wieder gestoppt hat – wohl auch, weil es dagegen massive Widerstände gab. Scharfe Kritik kam etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, von der Hotelunternehmerin Caroline von Kretschmann, da die Kosten nicht vom Staat getragen, sondern einseitig auf Unternehmen abgewälzt werden sollten. Für ihren Betrieb mit 165 Beschäftigten wäre ein zusätzlicher Umsatz in Millionenhöhe erforderlich gewesen, um die Prämie für alle Mitarbeiter zu finanzieren. 

Zum Glück wurde diese Prämie, die Caroline von Kretschmann als „Vertrag zu Lasten Dritter“ in Zeiten hoher Inflation bezeichnete, nicht umgesetzt. Wenn man so will: ein Rohrkrepierer, der nicht gerade das Vertrauen in die Reformkraft der Regierung stärkt. Stattdessen bleibt – speziell in Gastronomie und Hotellerie – viel Unsicherheit beim Blick nach vorne. Oder wie Karl Valentin sagen würde: „Früher war sogar die Zukunft besser.“

Weitere Artikel aus der Rubrik Titelstory

Artikel teilen:
Überzeugt? Dann holen Sie sich das HOGAPAGE Magazin nach Hause!